Eine Million überlegt Kirchenaustritt

KURIER.AT – Siebzehn Prozent der Schäfchen könnten sich abwenden. Eine Mehrheit würde auch ihre Kinder nicht mehr in kirchliche Obhut geben.

Die jüngst bekanntgewordenen Missbrauchsfälle könnten der römisch-katholischen Kirche einen noch nie dagewesenen Schaden zufügen. Laut einer Umfrage des Integral-Instituts überlegen sich derzeit 17 Prozent der rund 5,6 Millionen Kirchenmitglieder, das entspricht fast einer Million, den Austritt. Mit 77 Prozent hat sich zudem eine große Mehrheit für eine rückwirkende Abschaffung der Verjährungsfristen bei Missbrauch ausgesprochen.

Für 38 Prozent der Menschen hat sich die Grundeinstellung zur katholischen Kirche negativ verändert. Wie tief das Vertrauen in die Kirche erschüttert ist, zeigt sich auch bei der Frage, ob die Menschen ihre eigenen Kinder der Obsorge einer Einrichtung der katholischen Kirche anvertrauen würden. Eine Mehrheit der Bevölkerung kann sich dies nicht mehr vorstellen.

Der Glaube der Österreicher

Auch glauben die Menschen mehrheitlich nicht mehr daran, dass die Kirche die Vorfälle in ihrem Umfeld selbst aufklärt. Sie sind dafür, dass die starke Bevorzugung kirchlicher Einrichtungen im Staat, basierend auf dem Konkordat, abgeschafft wird.

Auch in Österreich ist die Lage für die Kirche nicht mehr rosig: Immer weniger Österreicher gehen laut IMAS-Institut in die Kirche. Und nur mehr 25 Prozent der Bevölkerung gaben dabei auch an, dass sie an einen leibhaftigen Gott glauben (siehe Infografik).

Die Meinungsforscher haben im Jänner und Februar 1088 repräsentativ für die Bevölkerung ab 16 Jahren ausgewählte Personen persönlich befragt. Dabei bekannten sich 78 Prozent zur katholischen und fünf Prozent zur evangelischen Kirche. 35 Prozent der Befragten gaben an, regelmäßig bzw. gelegentlich in die Kirche zu gehen. Die Zahl der erklärten Verweigerer ist auf 29 Prozent gestiegen.

Mehr

Kirche in der Krise: Beim mit Spannung erwarteten Angelus-Gebet erwähnte Papst Benedikt XVI. die Missbrauchsfälle mit keinem Wort

KURIER.AT – “Katastrophal”, so beschreibt Hans-Peter Hurka von der katholischen Laienorganisation “Wir sind Kirche” das Krisenmanagement des Vatikans. Eine Entschuldigung nach den zahlreichen Enthüllungen wäre “klug”, sagte Hurka.

Abwehrkampf: Hinter den Mauern des Vatikans brodelt es.

Papst Benedikt XVI. ging beim Angelus-Gebet in Rom zwar auf das Gleichnis vom verlorenen Sohn ein, nicht aber auf die sündigen Söhne der Kirche in seiner Heimat, und er verlor kein Wort über die Vorfälle während seiner Amtszeit als Münchner Erzbischof (1977-1982). Der spätere Papst hatte 1980 der Versetzung eines Priesters zugestimmt, der zuvor einen Elfjährigen sexuell missbraucht hatte.

Später wurde der Priester erneut wegen sexuellen Missbrauchs verurteilt. Am vergangenen Freitag hatte das Bistum München-Freising bestätigt, dass Joseph Ratzinger damals im zuständigen Gremium zustimmte. Trotz der zur Schau gestellten Unbeirrbarkeit – hinter den Vatikan-Mauern brodelt es.

Mehr

Kirche in der Krise: Mißbrauchsskandal-Ratzinger muß zurücktreten

Dragan Pavlovic – Jeder Behördenleiter, Politiker und Träger öffentlicher Verantwortung muß für das, was in seinem Hause passiert geradestehen. Und wenn die Vergehen der eigenen Organisation so schwer wiegen wie im sich ausweitenden Skandal um den Mißbrauch Schutzbefohlener in kirchlich geführten Einrichtungen kann es keine Alternative zum Rücktritt Benedikts XVI.  Geben.

Das Ausmaß des katholischen Kindesmißbrauchs in Deutschland erinnert an irische Verhältnisse. In Irland wurden über die letzten Jahrzehnte tausende von Kindern systematisch geprügelt und sexuell mißbraucht, wie in einer Studie der irischen Kommission zur Untersuchung von Kindesmissbrauch (Commission to Inquire into Child Abuse) berichtet wurde.

Ratzinger ist das Oberhaupt des letzten absolutistischen Staates in Europa. Damit befindet er sich in der Gesellschaft der politisch rückständigen Staaten Brunei, Saudi-Arabien, Swaziland, Katar und Oman. Der internationale Status des Vatikan als Staat ermöglicht diesem mit weiteren “Brüdern im Geiste” durch Stimmenmacht die Blockade von lebenswichtigen Gesundheitsprogrammen (HIV-Bekämpfung, Verhinderung unerwünschter Schwangerschaften und Abtreibung) der Vereinten Nationen (UNO) in der 3. Welt.

In Anbetracht dessen, dass der staatliche Status des Vatikan anachronistisch ist und fallen muß, sollte die Position Ratzingers als absolutem Herrscher im Vatikanstaat ihn nicht davor schützen können Verantwortung für die sich ausweitenden Skandale massenhaften Kindesmißbrauchs durch Rücktritt zu übernehmen.

Der Vatikan als kirchliche und staatliche Institution hat nachhaltig ihr Vertrauen in der Gesellschaft verspielt. Daher kann die Religion in der Schule keine Vorbildfunktion mehr ausüben. Der Religionsunterricht ist in seiner jetzigen Form durch einen Lebenskundeunterricht ohne Abmeldemöglichkeit zu ersetzen. Gesetze die dieser Forderung im Wege stehen und auf das im Dritten Reich mit der Nazi-Diktatur vom Vatikan beschlossene Abkommen zurückgehen sind endlich abzuwickeln.

Die Mißbrauchsfälle zeigen ohnehin, dass das kirchliche Statement, die christliche Religion sei in der Moderne angekommen und unterscheide sich relevant im Menschenbild von der islamischen Religion, faktisch nicht glaubwürdig ist.

Das Ratzinger sich in seiner bisherigen Amtszeit kaum Meriten erwerben konnte belegen die Ausführungen des Berliner Politologen und Publizisten Prof. Dr. Otto Kallscheuer und des Münsteraner Sozialethikers und Religionssoziologen Prof. Dr. Karl Gabriel – sie zogen eine überwiegend negative Bilanz nach fünf Jahren Benedikt XVI.

Der amtierende Papst kann es nun nicht mehr mit netten Worten und wohlfeilen Gesten richten – er muß die Konsequenzen ziehen.